Wort zum Geleit

Ich bete darum, dass eure Liebe
immer noch reicher werde an Erkenntnis
und aller Erfahrung.
(Phil 1,9)

– so, sagt es Paulus seiner Gemeinde und uns, liebe Gemeindeglieder unseres Kirchspiels! Mag sein, wir verstehen darunter auch Erlebnisse und Begegnungen, die wir andernorts erfahren. Viele Menschen nutzen die Sommertage schließlich gern zum Unterwegssein. 

Nicht nur zur Urlaubszeit, auch an manch schönem Wochenende möchten viele einmal etwas anderes sehen und entdecken. Unsere mobile Gesellschaft macht da manches möglich. Oft tut uns ein Ortswechsel gut – oder, wie wir auch gern sagen, ein „Tapeten“-wechsel. Aber solch ein Ortswechsel muss gar nicht unbedingt in die Ferne schweifen, vielmehr kann er sich auch mit unserem Blick oder unseren Gedanken vollziehen, indem wir uns mit der Welt beschäftigen, die in uns verborgen und vom Glauben geprägt ist. Andererseits haben wir vom schönsten Urlaub nichts, wenn unser Innerstes mehr an Lasten birgt als unser Gepäck. So wachsen aus unseren Erfahrungen auch prägende Erkenntnisse. Interessante Gedanken finden wir dazu von Seneca (1. Jh.):

„Du (…) wunderst dich darüber als über etwas Neues, dass du durch eine so lange Reise und so vielfachen Wechsel des Ortes dennoch den Trübsinn und die Schwermut deines Gemüts nicht verscheucht hast. Den Sinn musst du wechseln, nicht den Himmelsstrich. Magst du über das weite Meer schiffen, mögen dir, wie unser Virgilius sagt, Länder und Städte entschwinden: Wohin auch immer du kommst, deine Fehler werden dir folgen. Zu einem, der über ganz dasselbe klagte, sagte Sokrates: ‚Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, da du dich selbst mit herumschleppst?‘ Derselbe Umstand, der dich forttrieb, verfolgt dich. Was kann dir die Neuheit der Länder frommen? Was das Bekanntwerden mit Städten und Gegenden? 

Vergeblich ist dieses Umhertreiben. Du fragst, warum diese Flucht nicht hilft? Du fliehst mit dir selbst. Die Last deiner Seele muss erst mit dir abgelegt werden; eher wird dir kein Ort gefallen. (…)

Du wanderst bald dahin, bald dorthin, um die auf dir lastende Bürde abzuwerfen, welche durch dieses Umherwerfen selbst immer lästiger wird; so wie auch auf einem Schiffe Lasten, die unbewegt bleiben, weniger drücken; wenn sie aber ungleichmäßig durcheinandergewälzt werden, so versenken sie die Seite, auf welcher sie lasten, schneller in die Fluten. Was du auch tust, tust du gegen dich, und durch die Bewegung selbst schadest du dir, denn du rüttelst einen Kranken. Hast du aber jenes Übel von dir hinweggenommen, dann wird jeder Wechsel des Ortes dir angenehm werden. Magst du in die entlegensten Länder verschlagen werden, in irgendeinen Winkel des Barbarenlandes, wirtlich wird dir der Wohnsitz werden, mag er sein, welcher er will. Es kommt mehr darauf an, wie du kommst, als wohin du kommst, und daher sollen wir unser Herz an keinen Ort hängen. Man muss der Überzeugung leben: Nicht für einen Winkel bin ich geboren, mein Vaterland ist diese ganze Welt. Wäre dir dies klar, so würdest du dich nicht darüber wundern, dass dir der Wechsel der Gegenden, in die du von Zeit zu Zeit aus Überdruss an früheren wanderst, nichts nutzt: Die erste beste würde dir gefallen haben, wenn du jede für die deinige hieltest. Du reisest nicht, sondern du irrst umher, treibst dich herum und wechselst Ort mit Ort, da doch das, was du suchst, das Glücklichleben, an jedem Orte zu finden ist.“

Mit solcher Erkenntnis weitet sich unsere Sicht der Welt um die Innensicht und wir kommen bei dem an, worum es dem Apostel Paulus eigentlich geht. Er möchte uns auf die Spur der Liebe Gottes zu uns führen, die wir allen Dingen abspüren können, und er möchte, dass wir uns in solcher Weise von dieser Liebe umgeben wissen, dass wir auch reichlich selbst davon weitergeben und austeilen können.

 

In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie

 

Ihr Pfarrer Steffen Brock