Wort zum Geleit

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„Macht hoch die Tür, die Tür macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“.

Liebe Gemeindeglieder,

 

der Advent hat wieder begonnen und Advent heißt, auf die Zukunft hin zu leben! Wir erwarten, ja ersehnen das Zerrinnen der Zeit, das uns dem einen Tag entgegenbringt. Weihnachten wird herbeigewartet, mindestens für die Dauer des Advents, von manchen aber auch das ganze Jahr.

Die Adventszeit ist etwas ganz besonderes, denn sie läuft gewissermaßen von morgen auf unser heute zu. Anders als die Zukunft, die einfach kommt, die automatisch von heute auf morgen umschlägt (lateinisch: futurum) meint die Adventszeit mich. Sie prägt mich schon bevor Weihnachten gekommen ist, sie erfüllt mich mit Erwartung. Es ist die Zeit des Ankommens (lateinisch: adventus). 

Unser Advent ist die Zeit des vorfreudigen Wartens. Für Kinder ist es besonders spürbar: Jeder Abend trägt schon die Vorfreude auf den nächsten Morgen und das nächste Türchen des Adventskalenders in sich. Und jeder Tag und jede geöffnete Tür bringt sie dem einen Tag näher, auf den sie so sehnlich warten. Aber auch als erwachsener Mensch werden wir durch den reichen Schmuck der Adventszeit, die vielen kleinen Lichter, die das große Licht der Geburt Christi schon herbeilocken, vorwegnehmen wollen, eingestimmt auf das, was da kommt. Die vier Sonntage der Adventszeit bauen einen Spannungsbogen auf, der seinen Höhepunkt an Weihnachten findet.Damit wird im Advent deutlich, was im Grunde für das gesamte Leben eines Christen gilt: wir leben „ausgestreckt“ auf die Zukunft, auf das, was erst noch kommen wird. Wir warten, mal stärker und mal schwächer auf das eine große Licht, auf die Wiederkehr Christi! Alles, was wir tun, tun wir im aufschimmernden Licht dieser Zukunft. Heute schon ist wirklich und soll durch uns wirklich werden, was morgen erst kommt. Heute schon sind wir erlöst, auch wenn es morgen erst offenbar werden wird. Damit lösen sich die für uns gewohnten Muster der Zeit, die Gradlinigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf. Die Gegenwart wird aus der Verklammerung im Hier und Jetzt gelöst und schon von der Zukunft berührt und verändert. „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ So heißt es in dem bekannten Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Das ist das besondere des Christentums im Unterschied zu vielen anderen Religionen. Unser christliches „Gespanntsein“ auf das, was kommen wird, kennt keinen Kreislauf, keine Wiedergeburt, die letztlich nichts anderes ist als Wiedertod. Die immer gleiche, endlose Urerzählung von Untergang und Aufgang, Kampf und Versagen, Schuld und Lösung im ewig sich wiederholenden Durchlauf ist nicht christlich. Im Gegensatz dazu steht das christliche Leben wartend in einer Zeit, die nach vorne drängt, die ausgerichtet ist auf ihre Vollendung. Diese Zeit setzt uns in Bewegung zu dem einen hin, von dem es heißt „und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Johannes 1,14).

Wieder einmal hat die Adventszeit begonnen: mit Lebkuchen und Stollen, mit Tannenduft und Herrnhuter Sternen werden wir erinnert an das große, endgültige Kommen unseres Herrn. Von dem lateinischen adventus leitet sich ein anderes Wort ab: adventure, das Abenteuer schlechtlich, das Leben an sich! Die Adventszeit erinnert uns daran, worauf wir warten und dass es nicht mit diesen paar Tagen und Wochen vor Weihnachten getan ist. Das Abenteuer unseres Lebens besteht darin, dass wir schon hier und jetzt voller Vorfreude sein dürfen. Gott spricht uns an und es liegt an uns zuzustimmen und unser Leben im Licht der Vorfreude zu erfahren. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“.

 

 

Pfarrerin Margarete Aichinger