Wort zum Geleit

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, 
der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat 
zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“
(1. Petrus 1,3)

„Wir sägten Holz, griffen dabei nach einem Ulmenbalken und schrien auf. Seit im vorigen Jahr der Stamm gefällt wurde, war er vom Traktor geschleppt und in Teile zersägt worden. Man hatte ihn auf Schlepper und Lastwagen geworfen, zu Stapeln gerollt, auf die Erde geworfen – aber der Ulmenbalken hatte sich nicht ergeben.Er hatte einen frischen grünen Trieb hervorgebracht – eine ganze künftige Ulme oder einen dichten rauschenden Zweig. Wir hatten den Stamm bereits auf den Block gelegt, wie auf einen Richtblock; doch wir wagten nicht, mit der Säge in seinen Hals zu schneiden. Wie hätte man ihn zersägen können? Wie sehr er doch leben will – stärker als wir!“
Alexander Solschenizyn (aus: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch)

 

Liebe Gemeindeglieder,

ich über das Geheimnis von Ostern nachdenke, fällt mir dieser Abschnitt aus dem bewegenden Büchlein des russischen Schriftstellers ein, in dem er einen Tag im Leben eines GULAG-Häftlings beschreibt. Obwohl der Baumstamm in Balken zersägt wurde, hat einer der Balken neu ausgetrieben. Biologen könnten wahrscheinlich erklären, wie so etwas möglich ist – und doch bleibt es ein Wunder.Ich denke, es hat auch eine symbolische Bedeutung, dass wir im Abendland das Osterfest zu einer Zeit feiern, in der die Natur zu neuem Leben erwacht. An Bäumen und Sträuchern zeigt sich frisches Grün. Und überall entwickelt sich eine herrliche Blütenpracht. Die ganze Schöpfung scheint uns darauf hinzuweisen, dass wir „eine lebendige Hoffnung“ haben dürfen.
Für die meisten Menschen heute steht fest, dass mit dem Tod alles aus und vorbei ist. Wir Christen geben uns mit dieser Sicht der Dinge nicht zufrieden. Denn wir glauben, dass zwar mit dem Tod unser Leben endet, aber dass unser Dasein nicht beendet ist. So wie aus dem Balken in Solschenizyns Erzählung ein frischer Trieb wuchs, so wird unser Dasein auf eine ganz andere, neue Ebene gehoben. Die Ulme war nicht mehr da, und doch war sie in dem Spross noch vorhanden. Ihr fehlten die Wurzeln. Weiter existieren konnte sie nur auf eine andere Weise. – Wie das bei uns sein wird, können wir uns nicht vorstellen. Wir können nur darauf hoffen und daran glauben. Die Häftlinge im GULAG schöpften aus diesem kleinen Zeichen der Natur wieder Hoffnung. Es half ihnen, sich nicht aufzugeben und alles daranzusetzen, das Lager zu überleben. – Wir brauchen auch solche Hoffnungszeichen angesichts von Not und Leid in unserer Welt und oftmals auch in unserem eigenen Leben. In der Passionszeit denken wir an das Leiden von Jesus Christus. Aber gleichzeitig werden wir auch empfindsam für das ungezählte, namenlose Leiden auf der Erde – Kinder, die schwer arbeiten müssen oder gequält und missbraucht werden; Menschen, die hungern oder unter Krieg und Gewalt leiden; Kranke, die ihre Schmerzen kaum noch aushalten; Angehörige, die den Verfall eines lieben Menschen ertragen müssen … 
All dieses Leiden ist im Leiden Jesu abgebildet. Es lässt sich nur aushalten durch die Hoffnung auf Ostern, auf ein neues, unbeschreibliches Dasein bei Gott. 
Dass wir an dieser Hoffnung festhalten,

 

wünscht Ihr
Pfarrer Thomas Böttrich