Wort zum Geleit

 

Liebe Gemeindeglieder im Kirchspiel,

zu meinem Geburtstag habe ich ein Buch über das Jahr 1961 geschenkt bekommen. Darin wird, meist amüsant, die Welt meiner Eltern, die Welt, in die ich hineingeboren wurde, beschrieben. Auch die Bibel lenkt unseren Blick auf vergangene Zeiten. Die Weihnachtsgeschichte gewährt uns einen Blick auf die Welt, in die Jesus hineingeboren wurde.

Es waren Hirten, die in der Nähe von Bethlehem lagerten, die als erstes von der Geburt Jesu erfuhren. Ein Engel rief ihnen „Fürchtet Euch nicht!“ zu. Dieses „Fürchtet Euch nicht!“ galt natürlich erst einmal dem Erschrecken, den so eine „himmlische“ Erscheinung bei den Hirten ausgelöst hatte. Es galt aber auch den Lebensumständen, mit denen die Menschen im jüdischen Land in dieser Zeit zurechtkommen mussten. Da war es die römische Fremdherrschaft, die den Menschen Angst machte, oder ein grausamer König, vor dem die Familie von Jesus wenig später fliehen musste. Die Hirten standen zu dieser Zeit auf der untersten Stufe der sozialen Leiter, meist waren es Tagelöhner. Bei ihnen war es vor allen die Sorge um die Existenz, oftmals die Sorge um den nächsten Tag, was sie beschäftigte.

In meinem Buch von 1961 werden auch die negativen Seiten der Zeit nicht ausgespart. Damals lösten die politischen Ereignisse des Jahres, wie die Kubakrise oder der Bau der Berliner Mauer, bei vielen Menschen Angst vor einen neuen Krieg aus. Und heute? Ein Virus oder die Impfung dagegen, Globalisierung und Digitalisierung, die drohende Klimakatastrophe sind die Schlagworte unserer Zeit, die bei vielen Menschen Ängste hervorrufen. Und natürlich sind da auch die ganz persönlichen Probleme und Sorgen, die uns umtreiben.

Das „Fürchtet Euch nicht!“ des Engels spricht auch zu uns, es spricht zu allen Menschen aller Zeiten. Und es bleibt auch nicht bei diesem Satz. Der Engel kündigt das Eingreifen Gottes an. „Euch ist heute der Heiland geboren.“, ist die Botschaft des Engels. Gott kommt uns ganz nahe, er wird mit Jesus ein Mensch wie wir alle. Ein Mensch, den wir greifen können, aber doch ein ganz besonderer Mensch. Ein Mensch, bei dem in seinem Wesen, bei all seinem Tun, Gott durchscheint.

Aber jetzt kommen gleich wieder die Fragen und Zweifel. Ein neugeborenes Kind soll die Lösung unserer Probleme und Sorgen sein? Ein Neugeborener, der alle Zuwendung und Hilfe der Erwachsenen braucht, soll unsere Rettung sein? Die Menschen zur Zeit Jesu erwarteten einen König mit all seinem Glanz und seiner Macht. Er sollte das Volk von der Fremdherrschaft der Römer befreien. Und wie ist das heute bei uns, was erwarten wir? Vielleicht den „starken Mann“, der alles zum Besseren wendet oder eine bahnbrechende Erfindung der Wissenschaft, die Hunger und Krankheiten besiegt oder vielleicht die große Veränderung zu einer gerechteren Gesellschaft?

Gott geht mit uns einen anderen Weg, einen Weg der kleinen Neuanfänge. Gott will uns Menschen bei allen Veränderungen zu einer besseren Welt mitnehmen und einbeziehen. Gott braucht Menschen wie Maria und Josef, die Jesus großgezogen haben. Die Hirten haben sich auf den Weg nach Bethlehem begeben. Sie wollten „die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die ihnen der Herr kundgetan hat.“ Machen auch wir uns auf den Weg, die Geschichten, die Gott heute schreibt, die Neuanfänge, die Gott heute mit uns vorhat, zu suchen.

Eine besinnliche Adventszeit, ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr wünscht Ihnen

 

 

Ihr
Thomas Vollstädt