Wort zum Geleit

Pfr. Brock

Es ist nichts Besonderes, das umseitige Bild ... 

Eher schlicht, fast geradezu plakativ empfinde ich es. Besonders aber ist der Ort, an dem ich es fand und bedeutend die Mehrschichtigkeit, die sich mit diesem Bild verbindet. 

Da entdecken wir die erste Schicht: Auch das ursprüngliche Weihnachten war mehr als schlicht. In einem armseligen Stall bringt in kalter Nacht eine Frau ein Kind zur Welt. Krippe und Stroh – das ist nichts Besonderes. Besonders aber ist die Botschaft, die sich mit diesem Kind verbindet, besonders sind entsprechend auch die Umstände um diese Geburt herum: Hirten sehen und hören Engel, weise Sterndeuter finden sich ein unter ihrem Stern im kleinen Bethlehem. Auf dem Bild deutet einer der Sterndeuter auf ein Haus unter dem Stern, während der andere sich scheinbar einem anderen Ort zuwenden will. Doch der Gebäudekomplex, auf den gewiesen wird, entspricht dem, wie wir das Ensemble über der Geburtsgrotte heute vorfinden – und hier entdecken wir die zweite Schicht: Dieses Bild befindet sich als Wandbild in einer Herberge des Originalschauplatzes in Bethlehem. Auf der Studienfahrt im März 2019 haben wir es dort entdeckt und daran begriffen, wie die Botschaft von diesem besonderen Kind heute in alle Welt gedrungen ist: „Euch ist der Heiland geboren“; „Gottes Sohn ist Mensch geborn“ – Gott, der Erhabene, Unfassbare zeigt sich als neugeborenes Kind: verletzlich und zum Anfassen. In den erlebbaren Werken der Barmherzigkeit verwirklicht sich die Nächstenliebe als ein Zentrum unseres Glaubens. Bereits in der Weihnachtsbotschaft öffnet sich diese Gottessicht, auf der sich unser Glaube gründet: Gott ist menschenfreundlich, voll Güte und Liebe. Wir dürfen auf sein Mitgefühl und auf seine Barmherzigkeit trauen. An diese Botschaft knüpft nun die nächste Schicht an: Wenn sich das alte Jahr geschlossen hat, gehen wir mit einer tröstlichen Jahreslosung in das neue: 

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) 

Zu den Werken der Barmherzigkeit zählt aber nicht nur, Menschen ohne Obdach zu beherbergen, wie wir es als Reisende erfahren durften und wie es uns selbst als Christen obliegt, vielmehr kann sich Barmherzigkeit in ganz vielen Gesten der Nächstenliebe entfalten. In der Einrichtung, in der unser Weihnachtsbild an die Wand gebracht wurde, tritt uns der Wille zum barmherzigen Handeln ebenso entgegen wie die noch immer spürbare Unbarmherzigkeit dieser Welt: Unsere Herberge war nur das Gästehaus eines größeren medizinischen Gebäudekomplexes. Hier kommen für eine gewisse Zeit Frauen unter, die ungewollt schwanger wurden und im Umfeld einer fundamentalistischen islamischen Welt zu Hause sind. Ohne Frage hat der Islam viele Gesichter – aber dieses Gesicht gibt es eben auch –

und das leider nicht zu knapp. Um drohender Gewalt, entsprechenden Demütigungen und ihrer Entwürdigung entgehen zu können, werden diese Frauen unerkannt für die Zeit ihrer Schwangerschaft im Krankenhaus beherbergt. Nach außen hin arbeiten sie in einer geschlossenen Krankenabteilung, in Wahrheit erhalten sie die Möglichkeit, ihr Kind zur Welt zu bringen. Nach der Geburt und einer gewissen Erholungsspanne verlassen sie das Krankenhaus wieder – in Würde, allerdings ohne Kind. Die Kinder werden zur Adoption frei gegeben. Das ist sicher noch keine befriedigende Lösung, aber die derzeit einzig mögliche und darum: Möge es uns gelingen, dass Nächstenliebe auf allen Ebenen immer mehr zur Normalität wird und Barmherzigkeit um sich greift, dass es solche Häuser eines Tages nicht mehr zu geben braucht, die dem Leben dienen, die um Barmherzigkeit ringen und doch mitten in unserer unbarmherzigen Welt doch noch selbst die Spuren der Unbarmherzigkeit an sich tragen müssen.

In herzlicher Verbundenheit 

grüßt Sie

 

 

Ihr Pfarrer Steffen Brock