Wort zum Geleit

© Pfr. Dr. Böttrich

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, 
aber ich will sie trosten und leiten. 

(Jeremia 31,9)

Liebe Gemeindeglieder unseres Kirchspiels,

wenn Sie diesen Gemeindebrief in den Händen halten, haben wir hoffentlich einen „Goldenen Herbst“ mit wunderschöner Laubfärbung, Sonnenschein und blauem Himmel. Aber es dauert dann meist nicht lange, dass auch die trüben Tage kommen, mit Kälte, Nebel, Feuchtigkeit – so wie wir es auf dem Titelbild sehen. Der Spätherbst ist deshalb für uns eine Jahreszeit, in der wir nachdenklicher werden. Das Jahr geht allmählich zu Ende, und wir denken auch an das Ende des Lebens. Wir gedenken unserer Verstorbenen und besuchen ihre Gräber. Wir beschäftigen uns mit dem Sinn unseres Lebens und fragen uns, was wir in unserem Leben ändern müssten.

In diesem Jahr wurde unser gewohntes Leben kräftig durcheinandergeschüttelt. Nicht wenige meinen, dass es dafür keine hinreichenden Gründe gab. Doch die Situation war für uns alle neu. Und ich verstehe die Politiker gut, die erst einmal alles dafür getan haben, dass wir keine Verhältnisse wie in Norditalien bekamen. Wenn ich mit dem Auto in eine Nebelbank fahre, bremse ich auch erst einmal und gebe dann wieder Gas, wenn ich klarer sehe. Inzwischen haben wir mehr über das Virus gelernt und können hoffen, dass es irgendwann besiegt wird, ohne dass wir noch einmal einen Lockdown erleben müssen.

Trotzdem haben viele Menschen Verluste erlitten. Manchen ist die Existenzgrundlage weggebrochen. Andere haben finanzielle Einbußen gehabt. Demente Menschen in den Seniorenheimen sind regelrecht eingegangen, weil sie nicht verstehen konnten, warum ihre Angehörigen sie nicht mehr besucht haben. An das alles werden wir in diesen Herbsttagen verstärkt denken.

Im Wochenspruch für den Monat November wird der Prophet Jeremia zitiert. Er hatte den Israeliten im Auftrag Gottes Unheil ankündigen müssen, weil sie immer wieder falsche Wege beschritten und nichts aus ihren Fehlern lernten. Doch dabei beließ er es nicht. Mit Gott blickt er weit voraus und sieht, dass sich sein Volk endlich von falschen Wegen abkehrt. Er sieht, dass sie sich besinnen, dass sie Fehler bereuen. Deshalb verspricht Gott ihnen: „Ich will sie trösten und leiten.“

Die Probleme, unter denen wir zu leiden haben, sind nicht schicksalhaft über uns gekommen – sie sind von Menschen gemacht. Die Abholzung der Regenwälder (bedingt durch unser Konsumverhalten), das Artensterben und der selbstherrliche Umgang mit Gottes Schöpfung tragen mit zur Verbreitung gefährlicher Viren bei. Wenn wir uns nicht besinnen und umkehren – in kirchlicher Sprache: Buße tun – dann werden wir immer wieder solche und andere Katastrophen erleben. Deshalb ist es wichtig, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der Pandemiezeit ziehen. Gott will auch uns trösten und leiten. Aber zuvor müssen wir Einsicht zeigen und uns ändern lassen.

In der Hoffnung, dass sich für uns alle der Nebel bald lichtet und wir wieder klarsichtig und solidarisch miteinander leben, grüßt Sie herzlich, Ihr

 

 

Ihr Pfarrer Thomas Böttrich