Wort zum Geleit

E. Brock

Bunt und vielschichtig ist der Herbst,
liebe Gemeindeglieder unseres Kirchspiels!

Wenn die Sonne auf das Herbstlaub fällt, strahlt es auf in den hellen Gelbtönen und im kräftigen Tiefrot. Verbunden mit einem schönen blauen Himmel erscheint das herbstliche Idyll dann nahezu perfekt – aber vielleicht eben auch nur, was das Farbenspiel anbelangt. Unsere Gedanken gehen auch hin zu der bevorstehenden kalten Jahreszeit, die vor allem Beschwerlichkeit und Einschränkungen mit sich bringt. Bereits an einem herbstlichen Regentag fällt auf, was uns durchaus auch bewusst ist: Im Gelb und Rot der Blätter erkennen wir die braunen Spuren – Spuren der Vergänglichkeit. So hat er immer auch etwas Wehmütiges in sich, der Herbst, und dient uns als Metapher für Abschiednehmen und Tod. Das Wissen um die Verderblichkeit alles Irdischen liegt auch dem Monatsspruch für Oktober zu Grunde, wenn es heißt: „All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.“ (Psalm 38,10)

Wer sich den Psalm intensiver anschaut, wird erkennen, dass es dem Psalmbeter um mehr geht, als nur um die Endlichkeit des Lebens. Auch Schuld und Sündenlast macht ihm zu schaffen – seine eigene und die anderer Menschen. Es ist, als ob er an einem herbstlichen Regentag die hellen strahlenden Farben nur wie in der Erinnerung hat, dafür aber die Todesspuren auf unserer Erde und an sich selbst überdeutlich wahrnimmt. Während in unserer Zeit weithin überwiegend Leichtigkeit und Schönheit im Lebensgefühl dargestellt werden, wird der Psalmbeter uns zum Mahner, auch den Schmerz über all das Leid und all das Furchtbare auf dieser Welt nicht aus dem Blick zu verlieren. Slums und Stacheldraht, Hunger und Flüchtlingsströme und die geschundene Schöpfung machen uns deutlich: Die Welt ist noch immer erlösungsbedürftig. All unsere eleganten Möglichkeiten haben die Probleme nur verschoben, nicht gelöst. Das Leben in einer erlösten Welt mit erlösten Menschen ist eine Utopie – oder eine Verheißung. Die Verheißung könnte so beschrieben sein, wie wir es für November lesen: „Und ich sah, die Heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“ (Offb. 21,2) 

Froh und hoffnungsvoll ist die Zukunftssicht, die uns in diesem Wort entgegentritt. Mit ihr antwortet der Seher Johannes auf das Sehnen des Psalmbeters, dass sich in Gottes Gegenwart all unser Seufzen in einen Lobgesang wandeln wird. Das neue Jerusalem ist Bild für das vollendete Reich Gottes, in dem wir Menschen nach unserem Tod auf ganz neue Weise lebendig sein werden.Wir Menschen werden diese vollendete Welt nicht erschaffen – sie wird uns von Gott geschenkt. Weil Gott selbst Liebe ist, wird in seiner unmittelbaren Gegenwart kein Leid, kein Schmerz und auch kein Schuldigwerden mehr möglich sein. Alles ist vielmehr ganz von seiner Liebe durchdrungen. Gerade für den Monat November, in dem wir der Gemeindeglieder gedenken, die im vergangenen Kirchenjahr verstorben sind, beinhaltet das Wort der Offenbarung somit einen Trost, der sich nicht im Irdischen, im Vergänglichen, fest macht, sondern Beständigkeit in sich trägt. Darüber hinaus birgt dieses Wort aber auch noch einen überraschenden Aspekt: Gottes neue Welt kommt zu uns Menschen herab – so haben wir vernommen. Dann aber kann sich Gottes neue Welt bereits hier in unserer Unvollkommenheit entfalten. Überall, wo wir als Boten der Liebe Gottes unterwegs sind, überall, wo wir trösten und Anteil nehmen, füreinander einstehen und uns unterstützen, einander helfen und Gutes tun, ermutigen und voranbringen, überall dort ist Gottes Reich bereits unter uns lebendig. Ist das zu schön, um wahr zu sein? – Für mich ist das ein Traum von Kirche, den zu verwirklichen ich gern mittun möchte. Freilich weiß ich dabei auch um meine eigene Unvollkommenheit. Aber ich weiß auch um Jesus Christus, der seine Christenheit liebt wie eine Braut. Seine Liebe ist unser Leben.

In herzlicher Verbundenheit grüßt Sie

 

 

 

 

Ihr Pfarrer Steffen Brock